Marokko hat die Luftfahrt- und High-Tech-Industrie früh als Hebel für einen strukturellen Wandel der eigenen Wirtschaft verstanden. Nicht als Prestigeprojekt, sondern als Instrument, um Technologie ins Land zu holen, Exportfähigkeit aufzubauen und qualifizierte Beschäftigung zu schaffen. Über viele Jahre hinweg wurde dafür Schritt für Schritt ein industrielles Fundament gelegt, das heute trägt und international anschlussfähig ist.
Ein zentraler Ansatz war es, die Voraussetzungen für anspruchsvolle Fertigung überhaupt erst möglich zu machen. Der Staat hat gezielt Industrieflächen entwickelt, die speziell auf die Anforderungen der Luftfahrt zugeschnitten sind. Diese Standorte wurden nicht nur ausgewiesen, sondern vollständig vorbereitet: mit direkter Anbindung an Flughäfen und Häfen, mit stabiler Energie- und Wasserversorgung, klaren Genehmigungswegen, funktionierenden Zollstrukturen und rechtlicher Planungssicherheit. Unternehmen, die sich ansiedeln, treffen damit nicht auf ein Rohfeld, sondern auf ein industrielles Umfeld, das sofort produktionsfähig ist.
Parallel dazu wurden Investitionsprogramme geschaffen, die High-Tech-Projekte gezielt unterstützen. Dazu gehören finanzielle Anreize, steuerliche Erleichterungen und staatliche Beteiligung an Infrastrukturkosten. Diese Instrumente zielen nicht auf kurzfristige Ansiedlungen, sondern auf langfristige industrielle Verankerung. Besonders gefördert werden Projekte, die Technologie, Ausbildung und lokale Wertschöpfung miteinander verbinden.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Fachkräften. Luftfahrt- und High-Tech-Fertigung funktionieren nur mit qualifiziertem Personal, das internationale Standards versteht und umsetzt. Marokko hat deshalb spezialisierte Ausbildungszentren aufgebaut und eng mit internationalen Unternehmen zusammengearbeitet, um Ausbildungsinhalte direkt an industrielle Anforderungen zu koppeln. Ausbildung ist hier kein allgemeines Bildungsthema, sondern Teil der Industriepolitik. Ziel ist es, nicht nur Arbeitskräfte bereitzustellen, sondern industrielle Kompetenz im Land zu halten und weiterzuentwickeln.
Auch regulatorisch hat der Staat früh die Weichen gestellt. Zertifizierungen, Qualitätsmanagement, Rückverfolgbarkeit und Prozessdisziplin wurden konsequent in nationale Strukturen integriert. Das schafft Vertrauen bei internationalen OEMs und Tier-1-Zulieferern, denn Luftfahrtproduktion verlagert man nur dorthin, wo Standards zuverlässig eingehalten werden.
Eine besondere Rolle spielt dabei die staatliche Fluggesellschaft Royal Air Maroc. Sie fungiert seit Jahrzehnten als technischer und operativer Anker der nationalen Luftfahrtkompetenz. Wartung, Instandhaltung und technische Dienstleistungen wurden früh aufgebaut und kontinuierlich professionalisiert. Dieses Know-how hat dazu beigetragen, dass industrielle Aktivitäten im Umfeld der Luftfahrt entstehen konnten. Die ambitionierten Flotten- und Expansionspläne der Airline verstärken diesen Effekt zusätzlich, da sie langfristig Nachfrage nach Wartung, Technik, Infrastruktur und Fachkräften schaffen.
Der Staat ergänzt diese Maßnahmen durch internationale Positionierung. Veranstaltungen wie internationale Luftfahrtmessen, gezielte Wirtschaftsdiplomatie und bilaterale Industrieabkommen sorgen dafür, dass Marokko dauerhaft auf dem Radar globaler Entscheidungsträger bleibt. Gleichzeitig ermöglichen Freihandelsabkommen und klare Exportregeln den direkten Zugang zu europäischen und nordamerikanischen Märkten, was für die Luftfahrtindustrie ein entscheidender Standortvorteil ist.
In der Summe entsteht ein Umfeld, in dem Luftfahrt- und High-Tech-Fertigung nicht nur möglich, sondern kalkulierbar ist. Der Staat agiert dabei nicht als operativer Akteur, sondern als Strukturgeber. Er schafft die Rahmenbedingungen, senkt Eintrittsbarrieren und sorgt dafür, dass internationale Unternehmen ihre Produktionsentscheidungen langfristig absichern können. Genau diese Verlässlichkeit ist der Grund, warum globale OEMs bereit waren, kritische Produktionsschritte nach Marokko zu verlagern und den Standort fest in ihre Lieferketten zu integrieren.